Die Krippendarstellung in der Andreaskirche macht nachdenklich

Eine Frau steht mit dem Rücken zur Krippe. Konzentriert schaut sie in einen Schminkspiegel. Kann sie die Krippe nicht erkennen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist? Oder schaut sie die Krippe im Spiegel an? Oder macht sie sich schön für den Besuch an der Krippe? Fragen über Fragen! Und ganz verschiedene Antworten sind möglich, und in der einen oder anderen Antwort wird man sich selbst wiederfinden: Bin ich abgelenkt vom Kind in der Krippe, weil ich auf mich selbst konzentriert bin? Schaue ich auf das Geschehen nur noch im "Rückspiegel"? Oder bereite ich mich ganz im Gegenteil ganz besonders sorgfältig vor für das Fest, in dem Gott uns ganz nah kommt?

Auch bei den anderen Figuren sind immer wieder solche verschiedenen Fragen und Antworten möglich.

In der Mehrdeutigkeit wird neben der sorgfältigen Darstellung das Künstlerische und das Moderne der Krippendarstellung deutlich, die Küster Werner Heisterkamp entworfen und aufgebaut hat.

Zwei Figuren tragen eine rosarote Brille, ein Mann und eine Frau. Sie sind aufeinander bezogen, der Mann umfasst die Hüfte der Frau. Sind sie verliebt? Schauen Sie deswegen nicht auf die Krippe, weil sie abgelenkt sind? Oder öffnet ihnen ihre Liebe gerade die Augen für das Wunder der Liebe, das in der Krippe sichtbar wird?

Man schaut genauer hin und sieht: Der Mann hat die rosarote Brille auf die Stirn geschoben, die Frau hat sie abgelegt und hält sie nur noch in der Hand. Ist der "Lack ab" in ihrer Beziehung? Oder ist ihre Liebe erst reif geworden, nachdem die rosarote Verliebtheit gewichen ist? Gibt es auch im Blick auf das Geschehen in der Krippe eine Reifung, eine Weiterentwicklung vom naiven Staunen zum Verstehen eines Gottes, der in Jesus mit den Menschen durch Höhen und Tiefen geht?

Nur zwei von vielen Figuren an der Krippe. Alle tragen eine Botschaft, aber keine ist eindeutig. Die Figuren führen ins nachdenken und in den Austausch. Sie lehren, dass es verschiedene Sichtweisen, verschiedene Blickwinkel auf das Glaubensgeheimnis gibt, und sie lehren, diese Verschiedenheit als Bereicherung zu sehen. Sie warnen vor vorschnellen Urteilen. Sie sind wie das Leben, - widersprüchlich, offen, vielfältig, - wie das Leben, in das Gott in Jesus Christus gekommen ist.

Ist das alles zu modern? Sehnsucht nach einer ganz "normalen" Krippendarstellung? Der Wunsch ist verständlich, und er kann auch erfüllt werden. In der Walburgakirche in Ramsdorf findet man eine große Krippenlandschaft in traditioneller Form. In der Stephanuskirche in Hochmoor sind wieder das große Kreuz und die Krippe zu einer Einheit geworden, so dass deutllich wird: Das Kind in der Krippe ist derselbe, der später gekreuzigt wurde und auferstand, Gott wird Mensch vom Anfang bis zum Ende. 

Nehmen Sie sich in den Weihnachtstagen doch vielleiht mal die Zeit, die drei Krippen zu besuchen, die in ihrer Verschiedenheit doch um dasselbe Zentrum kreisen: die Geburt von Jesus, dem Sohn Gottes.